Gesichter der Stadt: Leithe
Acht Kilometer sind es bis zur Essener City. Genauso weit muss man in die Innenstädte von Bochum oder Gelsenkirchen fahren. Wir sind im Herzen des Ruhrgebietes. Und was sehen wir? Grüne Felder, ein Wäldchen und Bauernhöfe, die sich in eine Talsenke ducken. Wir sind in Leithe, dem Dorf am Rande der Stadt und mitten in einer der am dichtesten besiedelten Regionen Deutschlands.
Mit weit ausholenden Schritten steigt Bauer Christoph Ridder die Anhöhe hinauf, den beiden Wassertürmen am Rande des Isinger Feldes entgegen. Auf der Kuppe, mitten zwischen Erdbeerpflanzen und blühendem Gelbsenf, bleibt er stehen. Von der Kuppe des sanft ansteigenden Hügels auf genau 115 Metern über Meereshöhe bietet sich ein fantastischer Ausblick. Die Füße stehen auf einer 28 Zentimeter dicken Ackerkrume, der Blick schweift von der Arena "Auf Schalke" über Windkraftanlagen in Herten, die Schornsteine der Scholven-Chemie in Gelsenkirchen über den RWE-Turm in der Essener City bis zum Tetraeder auf einer Bottroper Halde.
Während der engagierte Landwirt von Fasanen, Bussarden und "seinen" Feldhasen erzählt, schleicht sich der Feierabend-Verkehr über die Rodenseelstraße, die den Weg vom Hof zu den Feldern zum Hindernislauf macht. Nicht weit entfernt zerschneidet die A 40 den Stadtteil in Ost-West-Richtung und trägt mit Autolärm zum großstädtischen Hintergrundrauschen bei. Das "Dorf" mit seinen rund 6900 Einwohnern, man kann es nicht überhören, ist Teil des Ruhrgebietes. Und doch, trotz eigener Bergbaugeschichte, trotz des übermächtigen Nachbarstadtteils Kray und trotz der immer wieder aufkommenden Bestrebungen, die Äcker mit Wohnbebauung zu überziehen, ist Leithe im Grundsatz das geblieben, was "Leyte" schon vor rund 1000 Jahren war - ein Dorf. Hühner und Rinder und das Dieseln der Traktoren geben auf den noch bestehenden fünf Bauernhöfen den Ton an.
Dabei ging die typische Ruhrgebietsgeschichte auch an Leithe nicht spurlos vorbei, nur hier war es kein hektischer Boom wie in Kray. Wo die Großzeche Bonifacius ab 1860 in Kray für einen rasanten Aufschwung sorgte und die alte Ackerstadt zu einer der reichsten Gemeinden Preußens machte, da wurde um 1897 in Leithe der Schacht IV der Wattenscheider Zeche Centrum abgeteuft. Als 1899 mit der Förderung begonnen wurde, zählte die Belegschaft 95 Mann. Um 1912 waren es schon 612 Beschäftigte, mehr Menschen, als es Wohnraum auf den damals noch etwa 15 Höfen des Dorfes gab.
So bekam auch Leithe seine Bergbau-Siedlungen im Gebiet von Wackenberg, Sulzbachtal, Pleskengarten Tiemannleite oder Volksgartenweg. In bescheidenem Maße entwickelte sich städtisches Leben am Rande der landwirtschaftlich geprägten Gemeinde, die inzwischen dem unabhängig gewordenen Kray zugeschlagen worden war. Nicht alle verbliebenen Bauern konnten übrigens damals unbeirrt vom Bergbau ihre Felder pflügen, denn die Wühlarbeiten unter Tage machten sich auch an der Oberfläche bemerkbar. So musste das Hofgebäude des Bauern Kohleppl nach massiven Bergschäden wegen Baufälligkeit polizeilich gesperrt und abgerissen werden.
Auch das Wachstum Krays veränderte das Lebensgefühl. Leithe wurde immer mehr zu einem Anhängsel des "großen" Nachbarn mit seinem prachtvollen Rathaus. Ganz selbstverständlich flanierte man ab 1912 durch den Krayer Volksgarten, der, ein Blick auf die Karte schafft Aufklärung, auf Leither Gebiet liegt. Es war der Bewirtschafter des alten Klüwershofes, der das Gelände der grünen Oase 1912 an Kray verkaufte. Die Verschmelzung von Kray und Leithe hat sich in den Köpfen vieler Essener gehalten, ganz selbstverständlich firmiert der grüne Fleck im Häusermeer heute als Kray-Leithe.
Dabei kann Leithe mit vielem aufwarten, was heute einen Stadteil in einer Großkommune ausmacht. Da wäre zum Beispiel eine Hochhaus-Siedlung. In den 60er Jahren folgte man dem Trend der Zeit und stampfte auf den Äckern des Ising-Hofes die Trabanten-Siedlung "Isinger Feld" aus dem fruchtbaren Boden. Rund 4000 Neu-Leither fanden hier Wohnraum in damals hochmodernen Beton-Konstruktionen. Es bildete sich dank engagierter Vereine mit der Zeit ein "Wir-Gefühl" rund um die Meistersingerstraße, das der Siedlung das Schicksal anderer Trabantenstädte ersparte. Alles wirkt etwas gepflegter, von Verslumung keine Spur.
Da wäre dann noch der Sport. Auf dem Sportplatz an der Wendelinstraße hält Eintracht Leithe die Fahnen des Stadtteils hoch. Kultur im "Dorf"? Bitte sehr, die "Studio-Bühne" an der Korumhöhe gehört zu den tragenden Säulen der freien Theaterszene in Essen. Und wer typische Stadtteil-Kultur mit Mütterkursen, Flohmärkten, Kleinkunstbühne, Rock-Konzerten und Proberäumen sucht, der wird im Julius-Leber-Haus der AWO an der Meistersingerstraße fündig. Selbst ein Gewerbegebiet auf dem alten Centrum-Gelände an der Adlerstraße fehlt nicht. Und dann gibt es sogar eine eigene Autobahn-Abfahrt, die zwar mit "Gelsenkirchen" ausgeschildert ist, aber eindeutig auf Leither Gebiet liegt.
Großstadt-Herz, was willst Du mehr? Auch die Bauern haben die Vorteile eines Landlebens mitten in der Großstadt früh erkannt. Die Buddes, Strickers oder Ridders haben heute nur wenig Zeit, versonnen über ihre Felder zu wandern. Christoph Ridder zum Beispiel ist Eierproduzent, Ackerbauer und Einzelhändler in Personalunion. Im alten Schweinestall im liebevoll restaurierten Bauernhof ist ein bäuerliches Lebensmittelgeschäft entstanden, das neben Obst und Gemüse auch selbst gebackenes Brot und Marmelade aus der eigenen Küche anbietet. Im Sommer laden Erdbeerfelder zum Pflücken ein. Und genau dort bietet sich der herrliche Blick auf die Schalker Arena. (Peter Marnitz)
Quelle: WAZ